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Ist der Werther einen Freitagabend wert?

Viele Schülergenerationen haben ihn gelesen - den Werther. Aber ist er es wert, ihm einen sommerlichen Freitagabend zu opfern? Diese Frage stellten sich wohl einige Schüler angesichts voller Cafés, parallel stattfindender Punktspiele im Fußball und vor allem auch angesichts dieses Werthers. Ein unglücklich verliebter, ständig lamentierender, leidender Typ, der so scheinbar nichts mit Jugendlichen des 21. Jahrhunderts gemeinsam hat. Auf den ersten Blick! Die Bayerischen Theatertage-hier das Theater Erlangen- hat uns gezeigt, dass das so nicht stimmt.


Freitagabend, 08.05.2015, 20 Uhr, freie Platzwahl bei „Die Leiden des jungen Werther“. Gleich zu Beginn mussten wir uns leidenschaftlich für Werther einsetzen, denn viele wollten mit uns den jungen Werther leiden sehen, von freier Platzwahl war keine Rede, getreu der Epoche war vielmehr leidenschaftlicher Körpereinsatz schon vor dem Betreten des Studios gefragt, um einen guten Sitzplatz zu ergattern.

Die Bühne im Halbdunkeln, nur ein alter Plattenspieler, eine Spüle aus Metall und drei Wände aus Plexiglas sind zu erkennen. Und dann beginnt das Stück eigentlich mit dem Ende, dem (geplanten) Suizid Werthers, der ausprobiert, was mit seinem Kopf - hier eine Wassermelone - bei einem Kopfschuss passiert, wie er sich positionieren muss, wie es nach einem solchen Schuss im Raum aussieht. Bereits nach dieser Szene ist jedem Zuschauer klar, dass hier keine langweilige, langatmige Darstellung eines leidenden Werthers in Form eines Briefromas erfolgen wird. Es ist eine ganz eigene Darstellung, Werther ist wirklich verliebt, so wie Jugendliche heute,  er probiert sich vor dem Spiegel aus, macht Selfies, lauscht Musik, die Videokamera ist überall dabei, er liebt, er hasst, er trauert. Die Inszenierung unterstützt die geniale Darstellung des Werthers durch Robert Naumann perfekt. Wenn Werther durch die Natur streift, erlebt das das Publikum durch den Fokus einer Videokamera, die Küchenkräuter, projiziert an die Plexiwände, wie eine idyllische Landschaft aussehen lässt, sich auf dem Plattenspieler drehende Puppenköpfe werden zu den handelnden Personen Lotte und Albert und die in Rage geschriebenen Briefe werden an die Plexiwände tapeziert, um den Fortgang der Handlung darzustellen. Die sehr eigene Darstellung nimmt die Tragik aus der Inszenierung ohne die literarische Vorlage zu verleugnen und zeigt eine andere Art der Interpretation. Denn zerknüllte Liebesschwüre auf Papier kennt heute wohl kaum noch ein Jugendlicher, wahrscheinlich würde auch keiner der teilnehmenden Klasse 10e mit einer Schere Küchenkräuter und Blumen aus Frust über eine unglückliche Liebe einen Kopf kürzer machen oder einen Eimer weißer Farbe aus Wut und Liebestrauer an die Wand werfen. Gleichwohl ist die Absurdität der Darstellung so genial, dass sich auch wirklich jeder darin wiederfinden kann. Trotz der komischen Elemente innerhalb der Inszenierung, es kommt, wie es –laut literarischer Vorlage- kommen muss, Werther beendet sein Leben aufgrund seiner unglücklichen Liebe zu seiner angebeteten Lotte. Aber es kommt nicht so, wie es scheinbar kommen muss, wenn man die Inszenierung „Die Leiden des jungen Werther“ gesehen hat. Natürlich haben wir mit Werther gefiebert, angebetet, gelitten, aber auch gelacht – mit und über ihn! Ob für Jugendliche die Lektüre „Die Leiden des jungen Werther“ heute noch sinnstiftend ist, mag jeder für sich selbst beurteilen, die Inszenierung des Stoffes durch das Theater Erlangen war jedoch uneingeschränkt großes Kino! Werther war den Abend wert!

Claudia Losgar
Foto: www.theater-erlangen.de


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